Schweinebauern in großer Not
Am dramatischen Tiefpunkt
Ein Preissturz folgt dem anderen. Die Marktpreise für die Schweinebauern sind in den vergangenen Wochen regelrecht eingebrochen. Erschwerend kommt dazu, dass die Schweinepreise schon seit einem Jahr auf einem sehr niedrigen Niveau sind. Nun sind sie mit 1,43 Euro pro Kilo auf dem bisherigen Tiefststand – weit entfernt von einer rentablen Produktion. „Die wirtschaftliche Situation vieler Ferkelhalter und Schweinemäster hat sich in den vergangenen Monaten massiv verschlechtert. Nun droht die Gefahr, dass die sichere heimische Versorgung mit Qualitätsschweinefleisch auf dem Spiel steht“, schildert Präsident Andreas Steinegger die prekäre Situation. Die Schweinekrise spitzt sich zudem weiter zu, weil für die höheren gesetzlichen Standards in den nächsten Jahren kräftige Investitionen – allein in der Steiermark von den Schweinebetrieben 500 Millionen Euro bis zu 1 Milliarde Euro – zu tätigen sind. „Dieses Geld kann aber aufgrund der Preismisere nicht verdient werden“, betont Steinegger. Für ihn steht fest: „Die heimischen Ferkelhalter und Schweinemäster brauchen wieder Perspektiven. Für eine Trendumkehr ist unser Zukunftspaket umzusetzen.“
Josef Kaiser: Unser Limit ist erreicht
Die heimischen Schweinebäuerinnen und Schweinebauern sind schwankende Marktpreise gewöhnt und können mit wiederkehrenden Tiefpreisphasen professionell umgehen. „Doch jetzt sind die 3.700 Schweinebauern am Limit“, schlägt Josef Kaiser, Obmann der Schweineerzeuger- und Vermarktungsgemeinschaft Styriabrid Alarm. Vier Hauptursachen nennt Kaiser für die aktuelle Schweinekrise, die auch die Stimmung unter den Schweinebauern erheblich belastet:
- Der massive Preisdruck aufgrund der Überproduktion in Spanien und Dänemark – Österreich wird mit Billigstschweinefleisch aus diesen Ländern geflutet. Spanien als unerreicht größter Schweineproduzent Europas ist wegen der Afrikanischen Schweinepest für China gesperrt.
- Gold Plating – in der Schweinehaltung betreibt Österreich Gold Plating. Laufend steigen die gesetzlichen Haltungsanforderungen für die Schweinebauern in Österreich – die Millionen-Investitionen dafür können die Schweinebauern nicht mehr refinanzieren.
- Die rasant steigenden Produktionskosten: Diesel ist innerhalb eines Jahres um fast satte 30 Prozent teurer geworden, die Düngemittelpreise haben sich um 23 Prozent verteuert und bei Strom wurde in den vergangenen fünf Jahren ein Preissprung von 77 Prozent verzeichnet. Durch die noch nie dagewesene Dürre fehlt den Betrieben das Eigenfutter – sie müssen folglich Futter teuer zukaufen.
- Die geringe Bereitschaft der Bevölkerung – obwohl von ihr verlangt – Tierwohlfleisch mit höheren Standards zu kaufen. „Lediglich sechs Prozent des in Österreich konsumierten Schweinefleisches, davon zwei Prozent Bio, ist Tierwohlfleisch. Das Wachstum ist erschöpft“, betont Kaiser. Er unterstreicht: „Die heimischen Schweinebauern wollen mehr Tierwohlfleisch anbieten, erhalten aber für bestehende Labels des Handels gar keine Verträge mehr, weil die Nachfrage stockt.“
Raimund Tschiggerl, Geschäftsführer der Styriabrid und der Österreichischen Schweinebörse – uns sind die Schweinebauern nicht wurs(ch)t
Immer mehr heimische Fleischverarbeiter, die bisher auf österreichisches Schweinefleisch gesetzt haben, verdrängen österreichisches Qualitätsschweinefleisch zugunsten von Billigware aus dem EU-Raum. „Seit Jahresbeginn haben fleischverarbeitende Betriebe, darunter die Wursthersteller rund 40 Prozent des heimischen Schweinefleisches durch ausländische Billigstware mit niedrigeren Tierwohlstandards ersetzt – dieser schleichend-steigende Austausch heimischen Qualitätsfleisches durch ausländische Billigware bleibt den Konsumenten verborgen – sie werden im guten Glauben gelassen, dass es sich um heimische Wurst handelt“, kritisiert Raimund Tschiggerl, Geschäftsführer der Styriabrid und der Österreichischen Schweinebörse, in aller Schärfe. Tschiggerl erklärt wie: „Zahlreiche österreichische Wursthersteller lassen auf ihren Wurst- und Fleischwarenverpackungen ungeniert rot-weiß-rote Fahnen wehen, sie schmücken diese mit Schriftzügen wie typisch Österreich oder hergestellt in Österreich.“ Tschiggerl in aller Klarheit: „Das muss ein Ende haben – es muss wieder mehr Österreich und mehr Tierwohl in die Wurst hinein – uns sind die heimischen Schweinebäuerinnen und Schweinebauern nicht wurs(ch)t.“ Am Ende des Tages dürfe der europäische Verdrängungswettbewerb nicht so funktionieren, dass das steirische Schwein nur mehr als „Schmankerllieferant“ für die Edelteile übrigbleibt. Es sei zuwenig, dass nur ein Drittel des Schweins Anklang findet.
Steinegger und Kaiser fordern Perspektiven für die heimischen Schweinebauern – Trendumkehr durch Entlastungspaket
Die existenzielle Krise in der Schweinehaltung betrifft nicht nur die Schweinebauern direkt, die gesamte Wertschöpfungskette bröckelt. Von der Schweinebranche hängen rund 17.000 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, Futtermittelwirtschaft, Schlacht- und Verarbeitungsbranche, im Stallbau und der Bauwirtschaft ab. „Die steirische und österreichische Schweinehaltung steht an einem Kipppunkt. Werden die aktuellen Herausforderungen nicht bewältigt, führt das zu einem massiven Einbruch der Schweinehaltung in der Steiermark und in Österreich und zum Verlust der Eigenversorgung sowie von Wirtschaftskraft in den Regionen“, betonen Steinegger und Kaiser. Damit die heimischen Schweinebäuerinnen und Schweinebauern wieder wirtschaftliche Perspektiven bekommen, fordern Landwirtschaftskammer und Styriabrid ein Zukunftspaket von der Politik und ein klares Bekenntnis der Abnehmer, des Handels und der Bevölkerung zu heimischem Schweinefleisch:
- Schluss mit Gold Plating: Die ständig höheren gesetzlichen Anforderungen in Österreich führen zu Wettbewerbsverzerrungen innerhalb der EU. „Die höheren Standards verteuern die Produktion in Österreich. Höhere Standards müssen auch in den anderen europäischen Ländern gelten“, betont Obmann Kaiser.
- Attraktive und ausreichend dotierte Investitionsförderung bis 2034: „Wer höhere Standards in der Schweinehaltung fordert, muss auch dafür sorgen, dass die Betriebe diese finanzieren können“, unterstreicht Präsident Steinegger. Und er verlangt: „Die Fördersummen müssen an die hohen Investitionssummen angepasst und die Förderobergrenzen erhöht werden“. Nur ein Beispiel: Die Investitionssummen für Schweineställe liegen vielfach bei ein bis zwei Millionen Euro.
- Stallumbauten für mehr Tierwohl – einfache und unbürokratische Genehmigungen. „Müssen Schweinebauern ihre Ställe – aufgrund neu vorgeschriebener höherer gesetzlicher Standards – umbauen, dann muss dieser Umbau bei gleichbleibenden Emissionen auch schnell und unbürokratisch erfolgen dürfen“, verlangt Kaiser. Und er betont: „Das ist logisch, die Sachlage klar.“
- Heimische Qualität nicht austauschen: Klares Bekenntnis aller Marktakteure zu heimischem Schweinefleisch. Diese Forderung geht an die Lebensmittelverarbeiter, den Lebensmittelhandel, die Gastronomie und Bevölkerung. „Durch das anhaltende Preistief erfolgt ein schleichender Austausch von heimischem Qualitätsschweinefleisch durch ausländische Billigstware. Vor allem in Wurstwaren und anderen Verarbeitungsprodukten ist ausländisches Schweinefleisch nicht sichtbar“, kritisiert Kaiser. Sein Appell: „Einfach im Geschäft und in der Gastronomie nachfragen, woher das Fleisch kommt.“
- Flächendeckende und einheitliche Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie. Ohne klare Herkunftskennzeichnung bleibt österreichisches Schweinefleisch in der Gastronomie unsichtbar. „Deshalb braucht es eine flächendeckende und einheitliche Herkunftskennzeichnung auf der Speisekarte. Die Herkunft muss auf einem Blick erkennbar sein“, betonten Steinegger und Kaiser.
Elisa Neubauer, Schweinebäuerin aus St. Peter/Ottersbach:
„Ich bin Optimistin, doch das heurige Jahr bringt uns an unsere finanziellen und emotionalen Grenzen: Die Futterkosten sind stark gestiegen, die Dürre hat uns die halbe Futterernte vernichtet, die Dieselkosten sind explodiert – und das bei diesen extrem schlechten Marktpreisen“, schildert Elisa Neubauer die dramatische und zermürbende Situation. Doch das ist nicht alles. Elisa Neubauer: „Katastrophal ist für unseren Betrieb, dass unsere Ferkel zum Teil nicht mehr abgenommen werden, weil die Schweinemäster als unsere Abnehmer auch nicht kostendeckend wirtschaften können.“ Zu anstehenden Investitionen für die gesetzlich vorgeschriebenen Standards sagt die Schweinebäuerin: „Die massiven Investitionen und die Ungewissheit über die Zukunft stimmen uns extrem nachdenklich und sind kein Ansporn, den Betrieb weiterzuführen.“