Wer bestimmt die Preise: unsichtbare Hand oder verborgene Kräfte?
Preise im Wandel
Die Preise vieler Agrargüter gehen derzeit in eine Richtung: nach unten. Jene, die diese Güter produzieren, fragen sich, was da los ist. Schließlich nimmt die Weltbevölkerung zu, die Menschen müssen jeden Tag ihren Eiweißbedarf decken. Auf hohe Qualität wollen sie auch nicht verzichten. Wie kann es sein, dass die Preise jetzt um ein Drittel niedriger sind als noch vor ein paar Monaten? Die Dieselpreise gehen in die andere Richtung: nach oben. Hier sind die Entwicklungen besser erklärbar. Der Krieg zwischen USA und Iran stört die Lieferketten und zudem werden bei uns die Umweltschäden durch fossile Treibstoffe eingepreist. Aber es gab auch Phasen, in denen der Rohölpreis stark gesunken ist und plausible Erklärungen nicht zur Hand waren.
Zitat Franz Sinabell, Agrarexperte Wirtschaftsforschnungsinstitut
"Nicht verborgene Kräfte im Hintergrund legen die Preise fest, sondern Angebot und Nachfrage."
Zusammenhang Essen und Energie
Bei Getreide beobachten wir derzeit steigende Preise. Trockenheit und geringere Erntemengen in vielen Teilen Europas erklären dies. Ein weiterer wichtiger Zusammenhang: Wenn die Preise von Rohöl steigen, steigen oft auch jene von Getreide. Ein Grund ist die Austauschbarkeit als Energieträger. Getreide wird – wenn auch nur in geringem Umfang – zu Treibstoff verarbeitet. Aus Agrargütern Lebensmittel herzustellen – transportieren, pasteurisieren, mahlen, backen, kühlen – ist ebenfalls sehr energieaufwendig. So übertragen sich Preisänderungen von dem einen auf den anderen Markt. Wenn nun die Preise für Getreide und Ölsaaten ansteigen, hat das Folgen für die Tierhaltung. Teureres Futter erhöht die Produktionskosten, was bei gleichzeitig sinkenden Erlösen aus der Tierhaltung nicht durchzuhalten ist. In solchen Situationen lohnt sich der Verkauf von Mais, statt ihn zu verfüttern. Die Folge ist, dass Bauern Tierbestände abbauen – die Fleischproduktion sinkt. Damit sind die wichtigsten Mechanismen der Preisentwicklung genannt: relativ konstante Nachfrage und ein unbeständiges Angebot führen zu starken Preisschwankungen. Dabei ist nicht zu übersehen, dass der günstigste Preis stark schwankt. Die Schwankungen entstehen durch Verknappungen oder Ausweitungen des Angebots. Da Nahrungsmittel beständig etwa im gleichen Umfang nachgefragt werden, führen kleine Änderungen des Angebots zu starken Preisänderungen. Temperatur und Niederschläge spielen eine große Rolle. Aber auch der Schädlingsdruck oder Knappheiten von Betriebsmitteln (Dünger, Diesel) verursachen Engpässe. Sind die Produktionsbedingungen in mehreren Erdteilen gleichzeitig ungünstig, dann sind anhaltende Preissteigerungen die Folge. Das konnte zuletzt bei Kaffee und Kakao beobachtet werden.
Unterschied: Agrargüter – Markenprodukte
Agrargüter wie Getreide, Zucker und Milch sind sogenannte „Commodities“. Das sind standardisierte Güter wie Zement, Pappe oder Stahlblech. Die Käufer sind daran interessiert, diese Güter möglichst billig zu erwerben. Weil sie standardisiert sind – die Qualität ist auch bei einem niedrigen Preis die gleiche – kommt es auf Hersteller und Herkunft nicht an. Da weltweit fast eine Milliarde Menschen Agrargüter erzeugen, gibt es eine derart große Konkurrenz wie in keinem anderen Wirtschaftsbereich. Das garantiert jenen, die Agrargüter kaufen, dass sie immer zum günstigsten Preis einkaufen können. Jene, die Agrargüter produzieren, treffen schwankende Preise schwerer als jene, die Lebensmittel kaufen. Das ist rasch zu erklären, denn der Anteil des Rohstoffs Weizen an einer Semmel ist nur wenige Prozent. Selbst wenn sich der Weizenpreis verdoppelt, steigen die Produktionskosten der Semmel maximal um einen Cent. Das wurmt viele Produzenten von Agrargütern. Ein minimaler, leicht zu verkraftender Anstieg des Preises für Endkunden würde ihnen faire Preise und somit ein leichteres Auskommen ermöglichen. Die traurige Tatsache ist, dass Preise weder fair noch ungerecht sind, sondern das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Der Grund: Niemand gibt einem Verkäufer mehr als den aktuellen Marktpreis. Warum sollte ein Müller 300 Euro je Tonne Weizen zahlen, wenn er die gleiche um 220 Euro bekommt? Schließlich gibt es hunderte Müller, die konkurrieren. Apropos Nachfrage. Es trifft zu, dass in Österreich bei neun Millionen Konsumenten und hunderttausend Landwirten kein einzelner die Möglichkeit hat, den Preis zu manipulieren. Das lässt aber außer Acht, dass in Wirklichkeit ganz wenige Unternehmen den Markt für Lebensmittel dominieren. Kann es nicht sein, dass diese ihre Marktmacht nutzen, um auf Kosten anderer Marktteilnehmer stillschweigend eine hohe Marge zu kassieren? Ja, diese Möglichkeit besteht. Aber es gibt Wettbewerbsbehörden, die das verhindern. Könnten nicht die Wettbewerbsbehörden dazu beitragen, dass Agrarpreise stabil und hoch bleiben? Denkbar ist es, aber das ist nicht ihre Aufgabe. Ihr Ziel ist dafür zu sorgen, dass die Preise für Endverbraucher möglichst niedrig sind, indem ein möglichst hoher Grad von Wettbewerb herrscht. Am Prinzip, dass dort gekauft wird, wo es am billigsten ist, wird nicht gerüttelt. Es sind also nicht verborgene Kräfte im Hintergrund, die die Preise von Agrargütern festlegen. Gibt es gar keinen Ausweg, um die willkürlichen Preisschwankungen zu verhindern, die vom Weltmarkt auf unsere Märkte überschwappen? Diese Möglichkeiten erfordern hohe Investitionen und hohe Ausgaben für Marketing. Es ist wie am Markt für handgefertigte Uhren. Diese haben mit Standarduhren aus Ostasien gar nichts gemein, außer dass sie ebenfalls die Zeit anzeigen. Bei Lebensmitteln einen Premiumstatus zu erringen, ist schwieriger, denn außer Wein handelt es sich bei Nahrung um Verbrauchsgüter, die nicht jahrelang gelagert und im Dorotheum versteigert werden können. Heißt das, die Politik kann nicht eingreifen? Wozu gibt es überhaupt Agrarpolitik, wenn alles von Weltmärkten und Wettbewerbsbehörden bestimmt wird? Das ist Inhalt des zweiten Teils der Serie zum Agrarpreissystem.