Erneuerbares Gas: Österreich verfehlt Ziele komplett
Der Konflikt im Nahen Osten hat den Gasmarkt erneut aufgewühlt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?
HANNES HAUPTMANN: Rund 25 Prozent des weltweit gehandelten Flüssigerdgases passieren die Straße von Hormus. Die geopolitische Lage hat die Börsenpreise für Erdgas klar nach oben getrieben, die Gaslager sind leer und das schlägt direkt auf die Inflation durch. Biomethan kann hier eine Lösung sein. Es lässt sich von allen erneuerbaren Alternativen am schnellsten und günstigsten ins bestehende Erdgasnetz einspeisen, wobei 95 Prozent der Wertschöpfung im Inland bleiben. Das schafft Green Jobs und echte Versorgungssicherheit. Österreich hat im Nationalen Energie- und Klimaplan ein Ziel von 7,5 Terawattstunden (TWh) erneuerbarer Gase bis 2030 nach Brüssel gemeldet, davon sollen fünf TWh aus Biomethan kommen.
Wie abhängig ist Österreich bei Gas von Importen – und wie stehen andere Länder da?
Im Strombereich sind wir mit rund 90 Prozent Erneuerbaren-Anteil bei 67 TWh Verbrauch sehr gut aufgestellt. Im Gasbereich sieht es völlig anders aus: Bei 80 TWh Verbrauch liegt der heimisch erzeugte erneuerbare Anteil bei gerade einmal 0,2 Prozent. Da gibt es enormen Aufholbedarf. Länder wie Frankreich und Deutschland sind deutlich weiter. Vorreiter in der EU ist Dänemark, das bereits 35 Prozent seines Gasverbrauchs aus Biomethan deckt. Europaweit werden bis 2030 über 25 Milliarden Euro in Biomethan-Anlagen investiert.
Ist Österreich auf dem Zielerreichungspfad?
Definitiv nein. Das Ziel von 7,5 TWh bis 2030 ist in weiter Ferne. Wir stehen bei 0,2 TWh – das ist eine komplette Verfehlung. Das Erneuerbares-Gas-Gesetz muss dringend noch vor dem Sommer beschlossen werden, um den nötigen Rahmen zu schaffen. Dabei wäre Biomethan auch volkswirtschaftlich hochattraktiv: Eine Million Euro an Fördervolumen löst 3,3 Millionen Euro heimische Wertschöpfung aus und bringt 1,45 Millionen Euro an Rückflüssen für den Fiskus. Jede zusätzliche Terawattstunde schafft zudem rund 1.000 heimische Arbeitsplätze.
Wie hoch ist das tatsächliche Potenzial für grüne Gase in Österreich?
Wir fordern einen realistischen Ausbaupfad: mindestens drei TWh bis 2030, 6,5 TWh bis 2035 und langfristig sehen wir ein heimisches Potenzial von zumindest 20 TWh. Das bestätigen auch diverse Studien. Die Rohstoffe – vor allem biogene Abfälle und organische Reststoffe – stehen in keiner Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion.
Was braucht es konkret, um dieses Potenzial zu heben?
Das Erneuerbares-Gas-Gesetz muss rasch kommen. Es ist aktuell in der internen Regierungskoordinierung und braucht als Verfassungsmaterie die Zustimmung mindestens einer Oppositionspartei. Die Zeit drängt. Ein Beschluss vor dem Sommer ist für die Planungssicherheit sehr wichtig. Zahlreiche Projekte sind in der Warteschlange.
Was passiert ohne Gesetz?
Das Erneuerbares-Gas-Gesetz ist eines der drei Leuchtturmgesetze des Regierungsprogramms. Das Elektrizitätswirtschaftsgesetz wurde bereits beschlossen, das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz ist in der Zweidrittelmehrheit-Koordinierung. Jetzt fehlt nur noch das Erneuerbares-Gas-Gesetz. Zur Erreichung der Klimaziele 2030 ist der Zeitplan zwar bereits sehr fortgeschritten – aber gerade deshalb dürfen wir keine weitere Zeit verlieren. Denn bei Verfehlung der Klimaziele drohen Österreich Strafzahlungen an die EU von drei bis sechs Milliarden Euro.