Über den aktuellen Stand bei der Präzisionsfermentation für Lebensmittel
Gegen Laborfleisch haben die Landwirtschaftskammern Steiermark und Kärnten erfolgreich mobilisiert, mehr als 70.000 Unterschriften gesammelt und im EU-Parlament in Brüssel ein klares Nein deponiert. Mittlerweile ist es ums Laborfleisch ruhiger worden. Allerdings poppt nun ein anderes Verfahren auf, das kein Nischendasein mehr fristet (für präzisere Formulierung: das Potenzial hat, aus der Nische zu kommen): die Präzisionsfermentation. Durch diese Technologie können zwar keine vollständigen Lebensmittel hergestellt werden, wohl aber einzelne Inhaltsstoffe, die dann zu Lebensmitteln weiterverarbeitet werden können. „Zum Beispiel können künstliche Milchproteine oder Eipulver in industriellen Stahltanks erzeugt werden, ohne jemals ein Tier gesehen zu haben“, sagt die Steirerin Verena Scherfranz, Referentin der Landwirtschaftskammer Österreich in Brüssel. Dazu kommt, dass diese Erzeugnisse nicht anders aussehen, nicht anders schmecken und riechen, aber mittels genetisch veränderter Organismen hergestellt werden. Mit den Milchproteinen kann dann etwa Käse nachgebaut werden.
Gezielte genetische Veränderungen
Die Präzisionsfermentation behilft sich – ähnlich wie die Sauerkraut- oder Joghurtherstellung – Mikroorganismen zur Gärung. Jedoch kommen diese Mikroorganismen nicht wie bei der Sauerkrautherstellung natürlich vor, sondern sie sind gezielt genetisch verändert. Sie erhalten biologische Informationen, um etwa ein bestimmtes Protein herzustellen. In sogenannten „Reaktoren“ werden diese künstlichen Mikroorganismen mit organischen Nährstoffen – diese können auch aus landwirtschaftlichen Kulturen kommen – versorgt und produzieren das gewünschte Protein. Das Endprodukt – zum Beispiel Käse – ist aber kein Gentechnik-Käse im engeren Sinne. Warum? „Weil die Mikroorganismen ein Hilfsmittel zur Fermentation sind und nicht gegessen werden“, sagt Scherfranz.
Viel Polemik
„Unternehmen setzen in die Präzisionstechnologie große Erwartungen und es gibt auch schon erste Zulassungsverfahren in der EU, wobei oftmals die nordischen Länder die großen Treiber sind“, betont Scherfranz. Und es wird viel polemisiert, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erhalten. Eine gängige Argumentation sei, dass reines tierisches Eiweiß ohne Tierleid, Umweltbelastung und Landverbrauch erzeugt werde.
Folgenabschätzung
Ob und wann solche Erzeugnisse in der EU zugelassen werden, ist heute noch offen. Das EU-Parlament verlangt zum Beispiel für die Zulassung Neuartiger Lebensmittel, worunter auch Produkte aus der Präzisionsfermentation fallen, eine umfassendere Folgenabschätzung. Scherfranz rät bei diesem Thema wachsam zu sein und empfiehlt, sich aktiv im EU-Parlament und im EU-Rat zu positionieren.