Wie werden sich die Preise für Agrargüter mittelfristig entwickeln?
Die erste Folge dieser dreiteiligen Serie beschäftigte sich damit, wie Preise von Agrargütern zustandekommen. Der zweite Teil ging der Frage nach, welchen Einfluss die Politik darauf hat. Dies ist der Ansatzpunkt für die abschließende Folge, die sich mit Agrarpreisen in der Zukunft beschäftigt. Jede Regierung hat Interesse daran zu wissen, wie sich Lebensmittelpreise mittelfristig entwickeln. Daher werden aufwendige Berechnungen finanziert, um Jahr für Jahr neue Prognosen zu erstellen. Jene, die diese Werte ausrechnen, reden lieber von Szenarien oder Projektionen. Denn es handelt sich um Ergebnisse von Modellen, deren Resultate stark davon abhängen, womit man sie füttert. Vor allem drei Organisationen beschäftigen sich damit: die EU-Kommission, die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen UNO) und die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).
Zitat Sinabell:
"Einen aktuellen Ausblick auf die Agrarmärkte bis 2035 haben FAO und OECD erstellt."
Die EU-Kommission veröffentlicht Anfang Juli einen „Kurzfristigen Ausblick“ für das laufende und kommende Jahr. Die schwere Dürre, die derzeit Mitteleuropa besonders hart trifft, spielte in diesem Bericht noch keine Rolle. Erst im Dezember, wenn ein mittelfristiger Ausblick veröffentlicht werden wird, gehen die aktuellen Ertragsschätzungen für heuer ein. FAO und OECD haben im Juli ihren Ausblick für Agrarmärkte bis 2035 veröffentlicht.
Auf diese Projektionen stützt sich dieser Beitrag. Um die Ergebnisse zu Preiserwartungen zu verstehen, ist es nützlich, sich damit vertraut zu machen, wie langfristige Einschätzungen gemacht werden. Zunächst werden Prognosen aus anderen Bereichen gesichtet und ausgewertet. Wichtige Elemente sind jene zur Nachfrage: Wie entwickelt sich die Bevölkerung, wie viel Einkommen steht den Menschen zur Verfügung, gibt es Änderungen im Ernährungsverhalten, etwa in Richtung weniger Fleischverzehr (in reichen Ländern) oder mehr (in ärmeren Ländern)?
Zitat Sinabell:
"Neue Einkommensprognose berücksichtigt alle wichtigen Einflüsse auf die Agrarmärkte."
Damit man Preise berechnen kann, benötigt man auch Vorstellungen zur Produktion von Agrargütern. Dazu werden Einschätzungen von Fachleuten über die erwartete Flächenentwicklung, die durchschnittlichen Erträge und den Einfluss des Klimawandels herangezogen. Wichtig für die Produktion sind auch die Kosten für Energieträger, die allgemeine Wirtschaftsentwicklung, die Inflation. Wenn von realen Preisen die Rede ist, dann wurde die Inflation herausgerechnet. Jede Änderung von diesen Annahmen hat Auswirkungen auf die erwarteten Preise und wie sensibel diese auf Unterschiede reagieren, wird in Sensitivitätsanalysen untersucht. Ein wichtiger Grundsatz ist, dass alle Agrargüter gemeinsam betrachtet werden, um zu vermeiden, dass etwa ein Tierbestand geschätzt wird, der nicht ausreichend mit Futter versorgt werden kann. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Planung, sondern um Modellergebnisse, die alle Agrargüter auf allen Märkten in allen Ländern gleichzeitig berücksichtigen.
Zitat Sinabell:
"Die höchsten Produktionsleistungen pro landwirtschaftlicher Arbeitskraft finden sich in Nordamerika, Westeuropa, Australien und Neuseeland."
Im aktuellen Bericht werden die wirtschaftlichen Verwerfungen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt berücksichtigt und auch die Auswirkungen einer Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums sowie höherer Energie- und Düngemittelkosten. Eine Folge davon ist eine geringere Getreideproduktion, insbesondere in einkommensschwachen Ländern.
Dank Produktivitätssteigerungen wird aber über das Jahrzehnt erwartet, dass die durchschnittlichen landwirtschaftlichen Einkommen pro Kopf im nächsten Jahrzehnt um neun Prozent steigen werden, trotz hoher Betriebsmittelkosten und weitgehend stabiler realer Agrarpreise. Dieser globale Durchschnitt verbirgt jedoch große geografische Unterschiede. Die höchsten Produktionsniveaus pro landwirtschaftlicher Arbeitskraft sind in Nordamerika, Westeuropa, Australien und Neuseeland zu finden. Hinter diesen Produktivitätssteigerungen steht die weitere Fortsetzung des Strukturwandels, also die Abnahme der Zahl der im Agrarsektor beschäftigten Personen. Die im plausibelsten Szenario ermittelte Einkommenssteigerung ist jedoch bei Weitem nicht sicher. Sinkendes Einkommen im Agrarsektor kann nicht ausgeschlossen werden.
Zitat Sinabell:
"Dank steigender Produktivität dürften die landwirtschaftlichen Einkommen pro Kopf im kommenden Jahrzehnt um etwa neun Prozent zulegen."
eise für Agrargüter werden im nächsten Jahrzehnt weitgehend stabil bleiben. Dieser Ausblick spiegelt die erwarteten fortlaufenden Produktivitätssteigerungen und typischen Wettermuster wider, die zu niedrigeren Grenzkosten der Produktion für die meisten Agrarrohstoffe beitragen. Diese Projektionen werden durch zugrunde liegende strukturelle Faktoren und langfristige Trends gestützt. Preisdämpfend wirken vor allem Produktivitätssteigerungen in Osteuropa, aber auch vielen anderen Erdteilen.
Arbeitsintensive Produktionssysteme werden dort vermehrt durch Praktiken abgelöst, die bei uns seit Jahrzehnten angewendet werden. Maschineneinsatz, effiziente Düngung, hochwertiges Saatgut, besseres Management führt in bisher rückständigen Regionen zu hohen Produktionszuwächsen. Treffen diese Annahmen zu, dann sind erheblich steigende Preise von Agrargütern nicht zu erwarten.