Wer bestimmt die Preise: unsichtbare Hand oder verborgene Kräfte?
Die Preise vieler Agrargüter gehen derzeit in eine Richtung: nach unten. Jene die diese Güter produzieren fragen sich, was da los ist. Schließlich nimmt die Weltbevölkerung zu, die Menschen müssen jeden Tag ihren Eiweißbedarf decken. Auf hohe Qualität wollen sie auch nicht verzichten. Wie kann es sein, dass die Preise jetzt um ein Drittel niedriger sind als noch vor ein paar Monaten?
Die Dieselpreise gehen in die andere Richtung: nach oben. Auf diesem Markt sind die Entwicklungen besser erklärbar. Der Krieg zwischen USA und Iran stört die Lieferketten und außerdem werden bei uns die Umweltschäden durch fossile Treibstoffe eingepreist. Aber es gab auch Phasen, in denen der Rohölpreis stark gesunken ist und plausible Erklärungen nicht zur Hand waren.
Wie die Märkte von Energie und Lebensmitteln zusammenhängen
Bei Getreide beobachten wir derzeit ebenfalls steigende Preise. Trockenheit und geringere Erntemengen in vielen Teilen Europas sind eine Erklärung. Ein weiterer Zusammenhang ist auch wichtig: Wenn die Preise von Rohöl steigen, steigen oft auch jene von Getreide. Ein Grund dafür ist die Austauschbarkeit als Energieträger. Getreide wird – wenn auch nur in geringem Umfang – zu Treibstoff verarbeitet. Um aus Agrargütern Lebensmittel herzustellen - transportieren, pasteurisieren, mahlen, backen, kühlen - ist ebenfalls sehr energieaufwändig. So übertragen sich Preisänderungen von dem einen auf den anderen Markt.
Wenn nun die Preise für Getreide und Ölsaaten ansteigen. dann hat das Folgen für die Tierhaltung. Teureres Futter erhöht die Produktionskosten und das ist bei gleichzeitig sinkenden Erlösen aus der Tierhaltung nicht durchzuhalten. In solchen Situationen lohnt sich der Verkauf vom Mais statt ihn zu verfüttern. Die Folge ist, dass Bauern Tierbestände abbauen und somit die Fleischproduktion sinkt. Damit sind die wichtigsten Mechanismen der Preisentwicklung genannt: relativ konstante Nachfrage und ein unbeständiges Angebot führen zu starken Preisschwankungen.
Dabei darf nicht übersehen werden, dass der günstigste Preis stark schwankt. Die Schwankungen kommen durch Verknappungen des Angebots oder Ausweitungen zustande. Da Nahrungsmittel beständig in etwa dem gleichen Umfang nachgefragt werden, führen kleine Änderungen des Angebots zu starken Preisänderungen. Temperatur und Niederschläge spielen eine große Rolle. Aber auch der Schädlingsdruck oder Knappheiten von Betriebsmitteln wie Dünger oder Diesel verursachen Engpässe. Sind die Produktionsbedingungen in mehreren Erdteilen gleichzeitig ungünstig, dann sind anhaltende Preissteigerungen die Folge. Das konnte zuletzt bei Kaffee und Kakao beobachtet werden.
Was unterscheidet Agrargüter von Markenprodukten wie Red Bull
Agrargütern wie Getreide, Zucker und Milch sind so genannte „Commodities“. Das sind standardisierte Güter wie Zement, Pappe oder Stahlblech. Käufer dieser Güter sind daran interessiert, die Ware möglichst billig zu erwerben. Weil sie standardisiert sind, die Qualität als auch bei einem niedrigen Preis die gleiche ist, kommt es auf Hersteller und Herkunft nicht an. Da weltweit fast eine Milliarde Menschen Agrargüter erzeugt, gibt es eine derart große Konkurrenz wie in keinem anderen Wirtschaftsbereich. Das garantiert jenen, die Agrargüter kaufen, dass sie immer zum günstigsten Preis einkaufen können.
Jene, die Agrargüter produzieren, treffen schwankende Preise schwerer als jene, die Lebensmittel kaufen. Das ist rasch zu erklären, denn der Anteil des Rohstoffs – Weizen – an einer Semmel ist nur wenige Prozent. Selbst wenn sich der Weizenpreis verdoppelt, steigen die Produktionskosten der Semmel maximal um einen Cent.
Das wurmt viele Produzenten von Agrargütern. Ein minimaler, leicht zu verkraftender Anstieg des Preises für Endkunden würde ihnen faire Preise und somit ein leichteres Auskommen ermöglichen. Die traurige Tatsache ist, dass Preise weder fair noch ungerecht sind, sondern das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Der Grund ist einfach: Niemand gibt einem Verkäufer einer Ware mehr als den aktuellen Marktpreis. Warum sollte ein Müller 300 Euro je Tonne Weizen zahlen, wenn er die gleiche Ware um 220 Euro bekommt? Schließlich gibt es hunderte Müller, die in Konkurrenz stehen.
Apropos Nachfrage. Es trifft zu, dass in Österreich bei neun Millionen Konsumenten und hunderttausend Landwirten kein einzelner die Möglichkeit hat, den Preis zu manipulieren. Diese Sicht der einfachen Modelle in der Ökonomie läßt aber außer acht, dass in Wirklichkeit ganz wenige Unternehmen den Markt für Lebensmittel dominieren. Kann es nicht sein, dass diese ihre Marktmacht nutzen, um auf Kosten anderer Marktteilnehmer stillschweigend eine hohe Marge zu kassieren? Ja, diese Möglichkeit besteht. Aber es gibt Wettbewerbsbehörden, die genau das verhindern.
Könnten nicht die Wettbewerbsbehörden dazu beitragen, dass Agrarpreise stabil und hoch bleiben? Denkbar ist das, aber das ist nicht ihre Aufgabe. Ihr Ziel ist ist, dafür zu sorgen, dass die Preise für Endverbraucher möglichst niedrig sind. und zwar indem ein möglichst hoher Grad von Wettbewerb herrscht. Am Prinzip, dass dort gekauft wird, wo es am billigsten ist, wird nicht gerüttelt. Es sind also nicht verborgene Kräfte im Hintergrund, welche die Preise von Agrargütern festlegen.
Gibt es denn gar keinen Ausweg, um den willkürlichen Schwankungen der Preise, die vom Weltmarkt auf unsere Märkte überschwappen zu verhindern? Es gibt schon Möglichkeiten, aber diese erfordern hohe Investitionen und hohe Ausgaben für Marketing. Es ist wie am Markt für handgefertigte Uhren. Diese haben mit Standarduhren aus Ostasien gar nichts gemein, außer dass sie ebenfalls die Zeit anzeigen. Im Bereich von Lebensmitteln einen Prämienstatus zu erringen ist aber schwieriger, denn außer Wein handelt es sich bei Nahrung um Verbrauchsgüter, die nicht jahrelang gelagert werden können und im Dorotheum versteigert werden.
Heißt das, die Politik kann da überhaupt nicht eingreifen? Wozu gibt es überhaupt Agrarpolitik, wenn – wie hier geschildert – alles von anonymen Weltmärkten und Wettbewerbsbehörden bestimmt wird, die im Endeffekt auf den niedrigsten Preis hinarbeiten? Damit befasst sich der zweite Teil der Serie zur Analyse des Preissystems auf Agrarmärkten.