Ohne Straße von Hormus
Die geopolitischen Verwerfungen im Nahen Osten treffen Europa erneut dort, wo es am verwundbarsten ist: bei der Energie. Seit dem Angriff auf den Iran sind neben den Ölpreisen auch die Gaspreise an den europäischen Handelsplätzen massiv gestiegen. Tankerrouten durch die Straße von Hormus – eine der wichtigsten Energieadern der Welt – sind unsicher geworden. Gleichzeitig hat der im Vergleich zu den Vorjahren kalte und lange Winter die europäischen Gasspeicher auf ein besorgniserregend niedriges Niveau gedrückt. Die Wiederbefüllung der Speicher wird teuer, der Wettbewerb um verfügbare LNG-Ladungen (Flüssiggas) härter. Für Österreich, das 90 Prozent seines Gasbedarfs importiert und in Jahren ohne Preiskrisen jährlich drei bis fünf Milliarden Euro ins Ausland überweist, bedeutet das: steigende Haushaltsrechnungen, existenzielle Risiken der Industrie.
Biogas von den Feldern
Die Antwort auf diese Abhängigkeit liegt nicht in neuen Abhängigkeiten mit anderen Regimen. Sie liegt auf unseren eigenen Feldern, in unseren Ställen und in den Reststoffen unserer Lebensmittelproduktion. Biomethan – also erneuerbares Methan aus der Vergärung und Vergasung biogener Abfälle und organischer Reststoffe – ist chemisch ident mit Erdgas. Es kann ohne Anpassung in die bestehende Gasinfrastruktur eingespeist werden – es braucht keine neuen Leitungen, keine neuen Endgeräte. Die Ausgangsstoffe stehen nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion. Heute werden gerade einmal 0,15 bis 0,2 Terawattstunden (TWh) Biomethan ins österreichische Gasnetz eingespeist – nicht einmal ein Prozent des Verbrauchs. Dabei könnte Biomethan bis 2040 rund ein Drittel des heimischen Bedarfs decken.
Geld bleibt in Regionen
Jedes Jahr fließen Milliarden Euro für Gasimporte ins Ausland – in Krisenzeiten noch deutlich mehr. Biomethan dreht diese Gleichung um. Die Wertschöpfung bei heimisch produziertem Biomethan bleibt zu 95 Prozent im Inland, der größte Teil davon direkt in der Region der jeweiligen Anlage. Jede zusätzliche Terawattstunde schafft rund 1.000 Arbeitsplätze in den Anlagen sowie in vor- und nachgelagerten Branchen. Statt Milliarden ins Ausland zu zahlen, wird in die Landwirtschaft, Regionen und Unternehmen investiert. Gleichzeitig stärkt jede eingespeiste Kilowattstunde Biomethan die Versorgungssicherheit für Haushalte und Industrie – unabhängig davon, was in der Straße von Hormus, in Moskau, Washington oder an den globalen Spotmärkten passiert.
Politik am Zug
Was fehlt, ist das Erneuerbares-Gas-Gesetz, das endlich beschlossen werden muss. Es braucht klare Ausbauziele, verlässliche Rahmenbedingungen und ein Ausschreibungssystem, das Investitionssicherheit schafft. Rund 80 bestehende Biogasanlagen und geplante Neuanlagen sind in den Startlöchern. Sie warten auf ein Signal aus der Politik. Europa investiert längst massiv. Österreich droht den Anschluss zu verlieren. Die nächste Gaskrise kommt bestimmt. Entscheidend ist, ob wir dann wieder in Panik auf den Weltmarkt starren oder mit heimischem Biomethan die Versorgung sichern. Biogas muss nicht durch die Straße von Hormus.