Schaddiagnose im Gemüsebau - ein Überblick
Abiotische Schadursachen
Ausreißer in der Temperatur wirken je nach Kulturart unterschiedlich. Kälteeinwirkung kann bei Brokkoli Herzlosigkeit auslösen oder bei Kohlrabi, Roter Rübe, Chinakohl, Radicchio, Fenchel u.a. vorzeitiges Schossen verursachen. (Spät-)Fröste führen oft zu unmittelbaren Blattschäden, können aber auch längerfristig unspezifische Symptome wie Wachstumsdepressionen oder Blattverformungen verursachen (Siehe Bilder 1-2).
Wärmeliebende Kulturen reagieren auf niedrige Temperaturen mit Wachstumsstillstand oder Verfärbungen. Umgekehrt können im Sommer hohe Temperaturen und intensive Einstrahlung Sonnenbrand oder Blütenabwurf verursachen. Hitzestress führt auch zu vermindertem Wachstum, da die Pflanzen die Spaltöffnungen in den Blättern schließen und kein CO2 aufnehmen können (Siehe Bild 3).
Wasserhaushalt
Sowohl Trockenheit als auch Staunässe führen zu Welkeerscheinungen. Bei Sauerstoffmangel durch zu viel Wasser im Boden sterben Feinwurzeln ab – Pflanzen „verdursten“ trotz ausreichender Bodenfeuchte. Anhaltende Nässe fördert zudem bodenbürtige Pilze und Bakterien (Siehe Bild 4).
Treten Welkeerscheinungen oder schlechtes Wachstum trotz scheinbar günstiger Bodenbedingungen auf, sind auch Pflanzfehler wie mangelhafter Bodenschluss zu berücksichtigen.
Nährstoffversorgung
Nährstoffmangel äußert sich häufig in Blattverfärbungen und gehemmtem Wachstum, bis hin zu faulenden Pflanzenteilen. Die Differenzierung ob ältere oder jüngere Blätter betroffen sind, kann helfen, den fehlenden Nährstoff zu identifizieren.
Oft liegt kein tatsächlicher Mangel im Boden vor, sondern eine eingeschränkte Verfügbarkeit – etwa durch Kälte, ungünstigen pH-Wert, Trockenheit oder Vernässung. Bei Bedarf kann eine Blattanalyse helfen, die richtigen Dünge- oder Kulturmaßnahmen abzuleiten. Wichtig: Eine Pflanzenanalyse sollte immer von einer umfassenden Bodenanalyse begleitet werden, da nur so die Unterscheidung zwischen Mangel und schlechter Verfügbarkeit im Boden getroffen werden kann (Siehe Bilder 5-6).
Witterungseinflüsse
Hagel und Starkregen verursachen mechanische Schäden und schaffen Eintrittsstellen für Krankheitserreger. Wind belastet besonders frisch gesetzte Pflanzen durch erhöhte Verdunstung und mechanischen Stress. Zusätzlich sind insbesondere rasche Witterungswechsel für Pflanzen physiologisch überfordernd und können Symptome wie Glasigkeit oder Blattrandschäden auslösen (Siehe Bilder 7-10).
Biotische Schaderreger
Insekten und tierische Schädlinge
Fraßschäden liefern meist klare Hinweise. Loch- oder Skelettierfraß deutet häufig auf Schnecken oder Raupen hin, während feines „Siebfraß“-Muster z.B. typisch für Erdflöhe in Kohlkulturen ist. Nachtaktive Arten lassen sich meist über Schleim- oder Kotspuren bestimmen (Siehe Bilder 11-12).
Bodenschädlinge wie Drahtwürmer oder Erdraupen zeigen sich vor allem durch Welke oder abgefressene Jungpflanzen. Saugende Insekten wie Wanzen verursachen komplexe Schadbilder mit Blütenfall, deformierten Früchten und eingeschränkter Lagerfähigkeit. Eingeschleppte Arten wie die Reiswanze gewinnen hier zunehmend an Bedeutung (Siehe Bild 13).
Blattläuse werden je nach Kultur oft indirekt erkannt – durch eingerollte Triebspitzen und Blätter, Häutungshüllen und erhöhte Ameisenaktivität. Eine Klopfprobe auf ein weißes Blatt Papier hilft bei der Kontrolle vor Ort (Siehe Bild 14).
Silbrig aufgehellte Blattflächen weisen je nach Kultur auf Thripse, Spinnmilben oder Zikaden hin. Miniergänge in Blättern sind ein klarer Hinweis auf Minierfliegenlarven (Siehe Bild 15).
Besonders ärgerlich sind Fliegenlarven, da Schäden häufig erst bei der Ernte sichtbar werden (z. B. Kohl- oder Möhrenfliege). Feuchte Bedingungen fördern deren Entwicklung, dann können auch schon früher Schäden auftreten. Die verwandte Saatenfliege verursacht Schäden bei der Keimung von Bohnen oder Kürbis, insbesondere bei kalten Böden bzw. witterungsbedingt verzögerter Keimung (Siehe Bild 16).
Pilzliche Schaderreger
Pilzkrankheiten treten überwiegend bei hoher Luftfeuchtigkeit und langer Blattnässe auf. Aufgrund der großen Anzahl an Schadpilzen wäre eine zusammenfassende Übersicht an dieser Stelle zu unübersichtlich.
Die Diagnose vor Ort kann jedoch gut über die Beobachtung mehrerer Merkmale im Zusammenspiel mit einer Online- (oder Fachbuch-) Recherche erfolgen:
- Befallsort: oft artspezifisch (z. B. Echter Mehltau auf Blattoberseite, Fusarium in den Leitungsbahnen im Strunkquerschnitt) (Siehe Bild 17).
- Symptomatik und Farbe: typische Muster wie eckige Flecken (Falscher Mehltau), konzentrische Ringe (Alternaria) oder Rostpusteln; Ist das Mycel weiß, grau, rosa oä. (Siehe Bild 18).
- Strukturen: Sporenrasen oder Fruchtkörper als Unterscheidung zu Bakterien bzw. zu anderen Pilzen (Siehe Bild 19).
- Wirtsspezifität: Die enge Bindung an Pflanzenfamilien erleichtert die Eingrenzung bei der Recherche. Kenntnisse zu Fruchtfolge und kulturspezifischen Hauptkrankheiten sind hier entscheidend für eine schnelle Feldansprache.
Bakterien und Viren
Bakterielle Erkrankungen treten vor allem bei feuchten Bedingungen. Bakterien dringen über Verletzungen oder natürliche Spaltöffnungen in die Pflanzen ein. Typisch sind ölig wirkende Blattflecken oder Weichfäule mit unangenehmem Geruch. Aber auch braune Nekrosen, oft mit gelben Hof, können auftreten. Beregnung oder Kulturarbeiten bei Nässe fördert die Ausbreitung im Bestand deutlich. (Siehe Bild 20).
Viren werden hauptsächlich durch saugende Insekten übertragen und sind dadurch vor allem in trockenen, warmen Jahren problematisch. Häufig sind mosaikartige Verfärbungen, Wuchsdepressionen und Deformationen zu sehen. Der Schaden hängt stark vom Infektionszeitpunkt ab: frühe Infektionen sind meist ertragsrelevant, während ein später Befall oft weniger ins Gewicht fällt (Siehe Bild 21).
Fazit für den Betriebsalltag
- Schadbild auf einzelnen Pflanzen exakt erfassen
- Verteilung im Bestand beobachten
- Standort, Witterung und Kulturführung analysieren (abiotisch)
- Schaderreger anhand von Symptomen, Kultur und Witterung eingrenzen
- Aufbauende Recherche oder Abklärung mit Beratung nach Bedarf
Langfristig muss vorbeugenden Maßnahmen in der Bekämpfung unbedingt der Vorrang gegeben werden: gesundes Pflanzgut, angepasste Fruchtfolgen, stabile Bodenverhältnisse sowie bedarfsgerechte Wasser- und Nährstoffversorgung sind wichtige Bausteine der integrierten Produktion und sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll. Ergänzend sind Kulturschutznetze, mechanische Maßnahmen und die Förderung von Nützlingen bewährte Praxisbausteine.
Als kurzfristige Lösung sollten Pflanzenschutzmaßnahmen erst nach korrekter Diagnose gezielt eingesetzt werden. Um vorbeugend wirkende Mittel korrekt einzusetzen sind nach Möglichkeit Erfahrungen der letzten Jahre bzw. Wissen über die idealen Entwicklungsbedingungen der Schaderreger essenziell.